Was ist Vero? Alle Infos zur neuen Social-Media-App!

Vero ist da und nach ein paar Tagen des Lauffeuers auf Facebook, Instagram und Twitter reichen die Meinungen im deutschsprachigen Raum bereits von „das neue Instagram ist da“ bis zu „boykottiert dieses Unternehmen samt seiner App“. Doch was hat es mit Vero überhaupt auf sich, wie kam es zu dem erdrutschartigen Hype und wieso wird es so kontrovers wahrgenommen? Wir wollen etwas Licht in das Dunkle der App-Oberfläche bringen, die in ihrer aktuellen Version eher an die Cloud-Version von Photoshop als an die hell gehaltene Bedienoberfläche der Foto- und Video-App Instagram erinnert.
Vero tritt an mit dem Claim „True Social“, der wohl auf die Kernbotschaften der App von Werbefreiheit, Algorithmen-Freiheit sowie Bot-Freiheit abzielen soll. Das Wort „vero“, welches im Italienischen für „echt“ „wirklich“ oder „wahr“ steht, soll dieses Image unterstreichen. Mit jenem selbst gesetzten Anspruch rangierte die App lange Zeit auf einem hohen dreistelligen Level in den Download-Charts des Google-Play-Stores sowie des Apple-Stores. Einhergehend mit jenem Anspruch, Inhalte seiner Ziel- und Interessensgruppe ungefiltert antragen zu können, verwundert es nicht, dass sich nach unserem ersten Eindruck zunächst viele Vertreter der Kreativbranche aus den Bereichen Fashion, Blogs, Fotografie, Videografie sowie Models, Tätowierer und Musiker fanden. Damit erinnert Vero gleichzeitig an das soziale Netzwerk Ello, welches im Vergleich zur Vero-App und selbst angesichts der Nutzerzahlen von immerhin über 1 Mio. als Randerscheinung betrachtet werden muss. Wer die Lawine des bereits 2015 gegründeten sozialen Netzwerks Vero initial im Februar des Jahres 2018 losgetreten hat und ob eine vom Unternehmen geplante sowie finanzierte Kampagne dahintersteckt, wird spekulativ bleiben, aber wurde definitiv und unter anderem auf Twitter diskutiert. Fest steht, dass die letztendlich schnelle Popularität auf die Empfehlung von Influencern, vor allem auf Instagram, sowie damit einhergehende virale Effekte zurückzuführen sind, die durch den neuartigen Charakter der App sowie eine künstliche Verknappung kostenloser Mitgliedschaften befeuert wurden.

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Die Funktionsweise von Vero

Was kann Vero? Was unterscheidet Vero von anderen sozialen Netzwerken, abgesehen von dem Anspruch, ohne Werbung, Algorithmus und Bots auszukommen? Grundsätzlich gilt für all jene, die sich mit Vero vertraut machen möchten, drei Dimensionen der App zu verstehen. Erstens lassen sich – analog zu Facebook – verschiedene Arten der Verbindungen zu anderen Usern unterscheiden. Zweitens ist nach der Art von Inhalten zu differenzieren, da auf Vero – anders als bei Facebook – kein reiner Status gepostet wird, sondern stets weiterführender Content immanenter Teil des Postings ist. Drittens ist schließlich zu verstehen, auf welche Art gewünschte Inhalte innerhalb der App recherchiert werden können. Zunächst kann der Nutzer oder die Nutzerin anderen Accounts folgen und aufgrund dessen Inhalte konsumieren, welche vom jeweiligen Account als für die Öffentlichkeit gedacht verbreitet werden. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, Verbindungen einzugehen, die sich nach „Bekanntschaften“, „Freunden“ und „engen Freunden“ differenzieren lassen. Dieser Logik folgend existiert für jeden individuellen Post aufs Neue die Chance, den Zugang zu entsprechenden Inhalten gemäß der Freundes- oder Bekanntschaftsverbindung möglich zu machen. Freunde erfahren ihrerseits nichts über den individuellen Status in den Augen des Anderen. Jedoch ist es möglich, gewisse Inhalte spezifischer Personen nicht anzeigen zu lassen, wenn ein User bspw. vom Musikgeschmack einzelner Kontakte genervt sein sollte. Da die erwähnten Inhalte, wie eben angedeutet, über Bild- und Videomaterial hinausgehen, wird klar, dass Vero mehr Möglichkeiten zu bieten hat als bspw. Instagram. Inhaltlich scheint es dahingehend näher bei Twitter zu liegen, schränkt den Nutzer aber nicht derart in der Nutzung von Zeichen ein. Unabhängig vom geteilten Content besteht immer die Möglichkeit, das Posting mit eigenen Worten zu versehen, Nutzer zu markieren und die Auffindbarkeit, wie bei Instagram, mit maximal 30 Hashtags zu erhöhen. Die bezeichneten Inhalte fallen dabei in die Kategorien Bild & Video, Links, Musik, Film & TV, Bücher und nicht zuletzt Orte. Zum Entdecken neuen Contents dient der Discover-Feed, in welchem von Vero hervorgehobene Profile und Inhalte präsentiert werden, populäre Hashtags oder Produkte zu finden sind und nicht zuletzt die Möglichkeit besteht, in der Suchleiste verbal oder mittels Hashtags Neues zu erkunden. In den sogenannten Collections sind alle von Freunden, Bekannten und anderen abonnierten Profilen geteilte Inhalte in chronologischer Ordnung archiviert. Das betrifft Fotos, Links, Musik, empfohlene Filme und TV-Events, Bücher sowie Orte, denen jeweils eine Art eigenes Album innerhalb der App gewidmet ist. Daher können sich Nutzer bspw. ebenso über Einschätzungen zu bestimmten Filmen durch Freunde informieren.

Server-Ausfälle, Hürden bei der Löschung, eine Shop-Funktion

Vero ist einzigartig. Das betrifft den Charakter der App inklusive der vorhandenen Shop-Funktion ebenso wie kleine Hindernisse bei der Löschung von Accounts und die derzeit noch akuten technischen Probleme. Vero läuft momentan alles andere als flüssig. Abstürze sowie lange Ladezeiten, die in angeblichen Server-Ausfällen enden, sind momentan ein häufig auftretendes Phänomen. Es mag einerseits am derzeit hohen Traffic liegen, dass Vero übermäßig viele Abstürze produziert. Andererseits scheint die App von technischer Seite noch nicht ausgereift zu sein. Über lange Ladezeiten und das Abstürzen der App hinaus werden Push-Benachrichtigungen in der App nicht nachgeladen, können Likes mitunter nicht vergeben werden oder lassen Verbindungsanfragen eine Ausführung vermissen. Und wie sieht es aus, wenn einen die Vero-Müdigkeit übermannt? Das Feature zur Löschung des Accounts versteckt sich im Hilfebereich der App, wo man den Support mit der Anfrage „Meinen Account löschen“ kontaktieren muss und ganz offenbar für jeden Einzelfall die Löschung des Profils durch Mitarbeiter bestätigt bzw. freigegeben werden muss. Unter den in der westlichen Hemisphäre bekannten sozialen Netzwerken bilden sogenannte In-App-Käufe ein weiteres Alleinstellungsmerkmal seitens Vero. Mit anderen Worten verfügt Vero über einen Shop, bei dem das Unternehmen aufgrund von Transaktionsgebühren an Verkäufen mitverdient. Abseits des Versprechens also, eine Social-Media-Plattform ohne Werbeanzeigen zu sein, könnten aus diesem Grund zumindest Zweifel angemeldet werden, was In-App-Verkäufe selbst, aber vor allem deren Vermarktung gegenüber Usern betrifft. Vero selbst warb im Oktober 2016 innerhalb eines Blogartikels mit dem bis dato höchsten In-App-Verkauf im Bereich Social Media sowie der erklärtermaßen erstmaligen finanziellen Transaktion für einen Oldtimer auf diese Weise. Konkret wurde ein Aston Martin DB5 zum Preis von 825.000 £ über die unternehmenseigene App veräußert.

Algorithmus: Ein Für und Wider

Allein das Thema von Algorithmen bei Facebook oder Instagram wäre einen eigenen Blogartikel wert. An dieser Stelle soll es genügen anzudenken, was es überhaupt bedeutet und wie praktikabel es sein kann, Nutzern einer App den Newsfeed ohne jegliche Gewichtung anzuzeigen. Abseits vom privaten Nutzer oder der privaten Nutzerin haben wir beim Kollektiv13 natürlich die Brille des Online-Marketings auf und müssen erkennen, dass Möglichkeiten, auf den Algorithmus einzuwirken, ein schätzenswertes Vorgehen sind, um neue Produkte oder Dienstleistungen bekannt zu machen, hinter denen sicher auch immer ein kommerzielles Interesse steht, die allerdings trotzdem die Welt einfacher, normativ besser, ökologisch nachhaltiger oder Dinge ökonomisch sinnvoller machen können. Kurzum haben neu entstehende Unternehmen auf diese Weise eine Chance, ihre Lösungen potenziellen Kunden und Nutzern über eine organische und überwiegend statische Form wie Webseiten hinaus nahezubringen und bekannt zu machen. Gleichzeitig – und das betrifft dann auch wieder ein privates Nutzerinteresse – kann unterstellt werden, dass Rezipienten beim Konsum digitaler Inhalte ein Interesse daran haben, mehr von den Inhalten wahrzunehmen, die sie jeweils stärker fesseln. Das möge dann auch soziales Engagement oder neue gesellschaftliche Utopien betreffen. Besonders der innere Konflikt einer massiven Ungleichheit individueller Interessen wird sich jedoch auch durch die Verbannung von Algorithmen in sozialen Netzwerken nicht beseitigen lassen. Letztlich steht es aber – Algorithmus hin oder her – allen Usern frei, Inhalte, Profile oder Seiten auch im Bereich von Social Media aktiv aufzurufen und individuell zu recherchieren. Intervenierend wird hier allein das stetig wachsende Spektrum an Meinungsvielfalt sowie eine damit einhergehende Informationsflut zu Tage treten. Dabei mag es richtig sein, dass Algorithmen Filterblasen bzw. Informationsblasen begünstigen können. Aber ebenso ist der mündige Informationskonsument nicht davor gefeit, sich systematisch dem einen oder dem anderen hinzugeben und alles Gegenteilige jeweils kognitiv auszublenden. Fakt scheint jedoch zu sein, dass ein chronologisch dargestellter Feed ohne eine durch Präferenzen gewichtete Strukturierung nicht nur unendlich groß, sondern bezüglich der Wahrnehmung abhängig vom Zufall sein wird.

Snapchat und Vero: das sind die Parallelen

Vero und Snapchat scheint einiges zu verbinden. Nicht nur, dass es sich bei Vero um eine „mobile only“ App handelt, also eine Anwendung, welche ausschließlich für mobile Geräte entwickelt wurde. Keine Social-Media-App hat darüber hinaus seit dem Aufkommen von Snapchat einen derartigen Hype erzeugt wie aktuell Vero. Ebenso wie bei der gelben App mit dem Geist stehen Nutzer mit ihrer Anmeldung erneut bei Punkt „0“, sozusagen an der Startlinie. Es ist nicht möglich, Kontakte aus anderen Apps zu importieren und das Auffinden von Accounts, welche aus anderen sozialen Netzwerken vertraut sind, wird dadurch erschwert, dass Vero zwar anbietet, einen Vor- und Nachnamen zur Erstellung des persönlichen Profils einzugeben, sich de facto aber viele neu angemeldete Nutzer mit Fantasienamen analog zu Instagram registrierten. Genauso wie Snapchat bietet Vero allerdings die Möglichkeit, Profile zu teilen und dadurch im Netzwerk selbst zu promoten. Als Snap Inc. seine „Spectacles“ auf den Markt brachte, sorgte das Unternehmen für eine künstliche Verknappung der Ware, indem man die Brille mit integrierter Kamera an eigens dafür vorgesehenen Automaten verkaufte, die ihrerseits unvorhersagbar an wechselnden Standorten platziert wurden. Durch eine ähnlich gelagerte Verknappung versucht Vero nun aktuell Nutzerzahlen in die Höhe zu treiben. Mit einem Facebook-Post vom 22. Februar 2018 untermauerte das Unternehmen nochmals sein Versprechen, den ersten 1 Mio. Nutzern einen lebenslange kostenlose Mitgliedschaft zu gewähren.

 

 

Am 28. Februar 2018 gab Vero auf seiner Webseite bekannt, dass man die Zahl von 1 Mio. Nutzer passiert habe, aber bis auf weitere Bekanntmachungen jedem neuen User die Möglichkeit eines kostenlosen Accounts auf Lebenszeit biete. Dies wurde als eine Art der Wiedergutmachung für technischen Schwierigkeiten beim Ausführen der App in den vorangegangenen Tagen begründet, in denen sich Vero ungewöhnlich vielen Zugriffen ausgesetzt sah.

 

 

Kritik an den Machern von Vero

Vero Labs, Inc. heißt das Unternehmen hinter der App und besteht laut unternehmenseigenem Organigramm aktuell aus 23 Mitarbeitern. Ein Teil des Lagers der Kritiker begründet seinen Unmut auf das Unternehmen sowie die App Vero mit Vorwürfen gegenüber Mitgründer und Geschäftsführer Ayman Hariri. Bei Hariri handelt es sich um einen Milliardär bzw. Milliarden-Erbe aus dem Libanon, Sohn des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten und im Jahr 2005 ermordeten Rafiq al-Hariri. Ayman Hariri war Geschäftsführer und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Baufirma Saudi Oger, einem der größten Bauunternehmen in Saudi-Arabien. Ursprünglich war das Unternehmen 1978 durch Hariris Vater gegründet worden. Die Kritik an Ayman Hariri bezieht sich auf ausbleibende Lohnzahlungen vor allem an philippinische Gastarbeiter während des Baus monumentaler Gebäude im arabischen Raum. Im Zuge des Ölpreisverfalls in den Jahren 2015 und 2016 stagnierten Bauprojekte auf der arabischen Halbinsel und es wurden Berichte öffentlich, nach denen Saudi Oger den betreffenden Bauarbeitern nicht nur keinen Lohn zahlte, der unter anderem Ausschlag über die Aufenthaltsgenehmigung der betreffenden Arbeiter gab, sondern auch Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser sowie medizinischer Versorgung in den Wohnheimen verweigerte. Im Sommer 2017 stellte Saudi Oger seine Geschäftstätigkeit ein.
Das andere hauptsächliche Lager an Kritikern bringt gegen Vero vor, dass das Unternehmen persönliche Daten nutzen würde. In der Tat ist es notwendig, eine Mobiltelefonnummer anzugeben, um ein Profil überhaupt erstellen zu können. Die Begründung hinter diesem Vorgehen liegt laut Vero darin verborgen, dass ausschließlich echte Personen innerhalb des Netzwerks erwünscht sind und sich diese daher authentifizieren mögen. Die darüberhinausgehenden Befürchtungen, User verabschiedeten sich von den Rechten an ihren Inhalten, wie es die unzähligen Stories auf Instagram im Zuge der Diskussion um Pro und Kontra der App suggerierten, scheinen allerdings ein Irrglaube zu sein. Im Detail können dies nur Experten der juristischen Profession beurteilen. Nach unserer Lektüre der Nutzungsbedingungen behält sich Vero offenbar die unentgeltliche Nutzung aller über die App verbreiteten Inhalte zu persönlichen Zwecken vor, ohne diese an Dritte zu verkaufen. Dieses Recht scheint sich zudem auf das eigene Bild, die Stimme und den Namen vom einzelnen Nutzer zu beziehen. Wir können dahingehend keine juristischen Empfehlungen geben oder Beratungen anbieten. Allerdings finden sich ähnlich gehaltene Textpassagen auch in den Nutzungsbedingungen von Instagram.

Fazit zu Vero

Der Hype um Vero fällt in eine Zeit, in der Nutzer wie Marketer gleichermaßen über eine zu hohe Werbelastigkeit von Facebook, massiv einbrechende Reichweiten auf Instagram und flankierende Phänomene wie den Kauf von Following oder Engagement stöhnen. Es ist daher kein Zufall, dass die Suche nach Alternativen gerade jetzt die Aufmerksamkeit auf ein soziales Netzwerk lenkte, das ehemals mit dem Anspruch veröffentlicht wurde, werbefrei, frei von Algorithmen sowie frei vom Zwang einer Datensammelei und dem Einsatz von Bots zu sein. Nun sollten die interessierten Nutzer allerdings nicht der naiven Vorstellung anheimfallen, in einer kapitalistisch strukturierten Welt würde ein Milliardär der Welt aus Nächstenliebe einen digitalen Ort des sozialen Austauschs schaffen und zum Nulltarif überlassen. Ob die Abo-Verkäufe an Nutzer sowie die Transaktionsgebühren von Verkäufern innerhalb des Vero-Shops das einzige Geschäftsmodell im Netzwerk bleiben werden, wird die Zeit zeigen. Aller Kritik zum Trotz ist jedenfalls deutlich zu erkennen, dass eine größere Nutzerschaft als nur die bisher vorhandenen „early adopter“ ungern das „nächste große Ding“ an sich vorbeiziehen sehen möchte. Der Charakter der App bietet freies Feld unter überwiegend gleichen Startbedingungen. Das konnte man zuletzt beim Aufkommen von Snapchat beobachten. Wohin es sich entwickelt, vermag noch keiner genau abzusehen. Zweifelsohne ist jedoch Bewegung in die Landschaft der sozialen Netzwerke geraten. Interessiert an den Entwicklungen von Vero dürften sich mindestens all jene zeigen, die bereits im Influencer-Marketing aktiv sind – Unternehmen wie Influencer selbst. Schließlich bietet sich die Möglichkeit, eine im Zweifel sehr lebhafte Community verlustfrei zu erreichen.

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